Call for Papers 03/2017

Atmosphären und Mobilität

Atmospheres and mobilities – Ambiances et mobilités

Mobile Culture Studies. The Journal, 2017.

DIE GEISTES- UND SOZIALWISSENSCHAFTEN haben der Thematik der Atmosphären in letzter Zeit eine verstärkte Aufmerksamkeit entgegen gebracht. Der Begriff der Atmosphäre geht von der menschlichen Sinnlichkeit aus und stellt die Idee in der Vordergrund, dass Menschen von der sinnlichen Qualität ihrer unmittelbaren Umgebung angeregt werden können: ihre Motorik, ihr Modus der Aufmerksamkeit und ihr emotionaler Zustand können sich in Verbindung mit der Umgebung, in der sie sich befinden, wandeln – und zu deren Veränderung ihre Anwesenheit im Gegenzug beiträgt. Der Begriff der Atmosphäre hat so zu einem besseren Verständnis und zu einer besseren Berücksichtigung der sinnlichen und affektiven Qualität von Orten und Situationen im alltäglichen Leben beigetragen.

Die dritte Ausgabe der Zeitschrift „Mobile Culture Studies. The Journal“ ›mcsj› zielt auf eine Überschneidung von Atmosphären und Mobilitäten hin, um zu erkunden, was Atmosphäre – oder die Atmosphären – zur Forschung über Mobilität beiträgt und umgekehrt Mobilität zur Forschung über Atmosphären. Tatsächlich zeigen zahlreiche Arbeiten im Feld der Mobilitäts¬forschung die Notwendigkeit einer Berücksichtigung des Sinnlichen beziehungsweise des Erlebens. Und umgekehrt hat die Forschung über Atmosphären ihren Ursprung in der Berück¬sichtigung von Bewegung, sowohl auf der konzeptionellen als auch auf der methodologischen Ebene. Die Herausforderung dieser Ausgabe besteht nun darin, die Konfrontation ein wenig weiter voran zu treiben, indem sie die Anwendung der Konzepte – Mobilität und Atmosphäre – in der gerade angesprochenen Überschneidung explizit unternimmt.

Wir heissen empirische, methodologische oder konzeptuelle Beiträge zu dieser Über¬schneidung, die sowohl aus dem Feld der Geistes- und Sozialwissenschaften (Anthropologie, Geographie, Philosophie, Soziologie, …), der Gestaltung (Architektur, Planung, Design, Ergonomie, Städtebau, …) oder der Kunst stammen, mit den folgenden Ausrichtungen:

› DIE BEITRÄGE KÖNNEN ERSTENS die Mittel, Räume oder Praktiken der Mobilität betreffen und auf der einen Seite der Frage nachgehen, wie Atmosphären im Erleben von Mobilität zum Tragen kommen, sie formen und sie verändern. Auf der anderen Seite wäre es von Interesse, die Frage nach dem spezifischen Beitrag des Atmosphärenbegriffs für die Analyse der sinn¬lichen und affektiven Dimension von Mobilität anzugehen.

› EINE ZWEITE AUSRICHTUNG betrifft die Rolle von Mobilität bei der Emergenz von Atmosphären. Arbeiten zu Atmosphären berücksichtigen nicht immer den mobilen Anteil beobachteter Situationen; die Herausforderung besteht darin, die Rolle von Mobilität in der Ausprägung von Atmosphären deutlicher zu machen. Sie baut auf der Annahme auf, dass die Mobilität von Personen oder Objekten fast immer bei der Emergenz oder der Dynamik der Atmosphären einer Situation oder eines Ortes eingreift.

› DIE DRITTE AUSRICHTUNG setzt sich mit der Mobilität von Atmosphären auseinander. Während die Möglichkeit der Mobilität von Objekten, Personen oder Ideen bereits häufig thematisiert wurde, wird hingegen wenig diskutiert, wie Atmosphären von einem Ort zum anderen ver¬lagert werden können. Diese Problemstellung beinhaltet die Frage nach der professionellen Konzeption von Atmosphären und deren Übertragung in eine gebaute Situation. Sie beinhaltet ebenso die Frage nach der Verbreitung städtischer Modellvorstellungen und den gewünschten Atmosphären, die sie begleiten. Schließlich betrifft sie auf einer kleinmaßstäblichen Ebene die Frage der Migration und der Mobilität von Atmosphären als Teil der Mobilität von Kulturen und Identitäten.

Die Atmosphärenforschung hat bisher die kulturelle Dimension weitgehend ignoriert, die jedoch in der Forschung zur Mobilität deutlich präsent ist. Deshalb freuen wir uns auch über Beiträge, die eine explizite Verbindung zwischen Atmosphären, Kultur und Mobilität herstellen und so dazu beitragen, diese Lücke zu schließen.

DIE ZEITSCHRIFT „Mobile Culture Studies. The Journal“ wurde 2015 gegründet. Sie ist aus einer gleichnamigen multidisziplinären und internationalen Plattform hervorgegangen, die seit 2010 aktiv war. In den Geistes¬wissenschaften verankert deckt sie das transdisziplinäre Feld der Mobilität ab und veröffentlicht forschungsbasierte Beiträge zu sozialen und kulturellen Phänomenen von Mobilität und ihren Negativformen, zur Geschichte von menschlichen Mobilitätspraktiken, zu Repräsentationen von Mobilität in der gesprochenen, geschriebenen und visuellen Kultur und zu Veränderungen des Konzepts der Mobilität.

›mcsj› ermutigt zu Beiträgen aus verschiedenen Quellen, seien es literarische und bio¬graphische Texte sowie Zeichnungen, Bilder, Photographien oder Klangquellen (sound¬scapes, Lieder, Musik). Die eingereichten Beiträge können in einer anderen Sprache als Englisch sein (Französisch und Deutsch); in diesem Fall müssen sie von einer langen Zusammenfassung in Englisch begleitet sein.

DIE VORSCHLÄGE für einen Artikel sollten 1100 Zeichen nicht überschreiten (Leerzeichen und Titel eingeschlossen) und von einem kurzen Lebenslauf begleitet sein. Beides ist bis zum 30. Januar 2017 an die Mailadressen der Koordinatoren dieser Ausgabe erbeten:

Rainer Kazig

Damien Masson

Rachel Thomas

Die Autorinnen und Autoren DER AUSGEWÄHLTEN VORSCHLÄGE sollten ihren Beitrag in einer Länge von maximal 55‘000 Zeichen bis zum 8. Mai 2017 einreichen. Sie werden anschließend einer anonymen Begutachtung (double-blind review) unterzogen. Die Veröffentlichung dieser Ausgabe erfolgt Ende 2017.

Johanna Rolshoven, Graz; Joachim Schlör, Southampton